Artikel
1 Kommentar

Ausstellung | Weisse Wölfe in Dortmund

weissewölfeAls ich zu Beginn des Jahres auf die Veröffentlichung der grafischen Reportage »Weisse Wölfe« von Jan Schraven (Recherche/Text) und Jan Feindt (Illustration) aufmerksam wurde, war ich begeistert. Denn durch die Arbeit meiner Freundin an der Ausstellung »Holocaust im Comic« war die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen im Medium Comic bei uns omnipräsentes Thema. Außerdem finde ich die Verbindung von Journalismus und Comic höchst spannend und es umso trauriger, dass sich in Deutschland bislang kaum jemand an eine derartige Fusion traut. Und last but not least sind natürlich die aktuellen Nazi-Umtriebe in unserer Nachbarstadt Dortmund ein wichtiges tagesaktuelles Interesse.

Ich bestellte das Buch also vor und las es dann am 30. Januar direkt in einem Rutsch durch. Auch wenn man sich mit dem Themenkomplex bereits beschäftigt hat, bietet »Weisse Wölfe« mit seinen verwobenen Handlungssträngen, den persönlichen Blickwinkeln und vielen kleinen Nebenhandlungen eine ganz neue Betrachtungsweise des Themas »Nazis in Dortmund«. Die spannend erzählte Geschichte wird durch Jan Feindts eindrucksvolle Bilder noch lebendiger. Die Verbindungen von Dortmunder Skinheads, europaweit agierenden Terrorgruppen, US-Naziideologen und nicht zuletzt auch Rechtsrockbands fesselt von der ersten bis zur letzten Seite und hinterlässt ein mulmiges Gefühl im Bauch mit der Erkenntnis, dass es hier eine Szene gibt, gegen die viel zu wenig getan wird. Umso erschreckender fand ich es, als eigentlich geplante Locations die Präsentation von »Weisse Wölfe« aus Angst vor rechten Übergriffen absagten.

Vor wenigen Tagen ging dann aber plötzlich eine Meldung durch meine Timeline: Stefan Laurin (Ruhrbarone) hat das Correctiv mit dem Schauspielhaus Dortmund zusammengebracht, um dort ab dem 15. April eine Ausstellung zu »Weisse Wölfe« zu initiieren. Die Eröffnungsrede sollte von Friedrich Küppersbusch gehalten werden – das wollte ich mir nicht entgehen lassen und so machte ich am ersten Sommertag des Jahres ein paar Stunden früher Feierabend und mich gemeinsam mit Frau Maja auf den Weg nach Dortmund.

Vor dem Schauspielhaus war dann auch schon viel los, diverse Gesichter aus meiner Timeline, viele Piraten (schön, dass diese sich zumindest in Dortmund noch eindeutig und öffentlich gegen Rechts positionieren) und unerwartet sogar ein paar alte Freunde, die ich lange nicht mehr gesehen hatte.

Im Gebäude drängten sich bereits so viele Menschen, dass es kaum möglich war, sich die Ausstellung genau anzuschauen. Im kleinen Vorraum, in dem die Eröffnungsrede gehalten werden sollte, befanden sich schätzungsweise etwa dreimal mehr Besucher als es Sitzplätze gab. Laut Angabe des Schauspielhauses waren insgesamt rund 300 Personen anwesend.

Nach einer kurzen Einführung durch einen Theatermitarbeiter (mea culpa … ich habe deinen Namen nicht mitbekommen und das Internet verrät ihm mir nicht) und ein paar Worten von David Schraven trat schließlich Friedrich Küppersbusch an das kleine Rednerpult. Die Atmosphäre hatte einen leicht unwirklichen Touch – dutzende oder gar hunderte Leute drängten sich auf jedem Zentimeter des kleinen Raums, die Temperatur hatte mittlerweile Saunaqualitäten und durch die Wand dröhnten laute Heavy-Metal-Klänge des Soundchecks zum Stück »Elektra«. Dennoch lauschte das Publikum gebannt Küppersbusch, der sehr emotional und eindringlich über Verpflichtungen und Herausforderungen im Journalismus, Rechtsradikale in seiner Heimat Dortmund und das offensichtliche Versagen von vielen offiziellen Stellen redete. Eine in jeder Hinsicht angemessene Eröffnungsrede für diese Ausstellung, denn sie motivierte, ohne es einem dabei zu einfach zu machen.

Kaum waren die letzten Worte gesagt, brach aber auch schon Hektik in der anwesenden Dortmunder Social-Media-Crowd aus, denn am anderen Ende der City begann nun der 5. Dortmunder Twittwoch, zu dem schnelles Veranstaltungshopping angesagt war. Das hatte ich zwar eigentlich auch geplant, nach der eindringlichen Rede war ich aber nicht so wirklich in Eventlaune, habe daher lieber über die gehörten Worte nachgedacht, einen Gang durchs Schauspielhaus gemacht, die großformatigen Ausdrucke des Comics auf mich wirken lassen und schließlich draußen im herrlichen Sonnenschein noch ein paar tolle Gespräche geführt.

Soweit ich es verstanden habe (genaue Angaben finde ich leider nicht) läuft die Ausstellung noch bis in den Juni hinein. Falls ihr in dieser Zeit also in Dortmund seid, lasst sie euch nicht entgehen. Und bestellt euch ein Exemplar von »Weisse Wölfe«, bestenfalls im lokalen Buchhandel oder direkt bei Correctiv. Alternativ könnt ihr euch aber auch einfach die Online-Version anschauen.

Nachtrag, 20. April 2015: Wie mir das Schauspielhaus mitteilte, ist die Ausstellung bis zum 26. Juni zu den Vorstellungszeiten zu sehen. Außerdem gibt es hier die komplette Rede von Küppersbusch zum Nachlesen.

1 Kommentar

  1. Pingback: Weisse Wölfe: Ausstellung in Dortmund | Redaktionsbüro Wortpflege

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.