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Nazis in London, Nazis auf dem Mond – Wolfenstein: The New Order (durchgespielt)

Was hatte ich mich gefreut, als kürzlich ein Paket mit meiner Pre-Order von Wolfenstein: The New Order eintraf. Endlich wieder als B.J. Blazkowicz die Knarren auspacken und ganze Heerscharen fieser Nazis in die Hölle schicken! Yeah! Nachdem ich dann leider zunächst kaum zum Spielen gekommen war, hab ich in den letzten Tagen eine fiese Erkältung genutzt, um dies geballt nachzuholen – und was soll ich sagen? Es war ein grandioser Zock! Auf jeden Fall eines der besten Spiele, die ich seit längerem gespielt habe!

Ich hatte mich ehrlich gesagt zuvor nicht groß mit der Story beschäftigt, auch keine Reviews gelesen und das Spiel somit relativ unvoreingenommen gestartet und installiert.

Besser das Original spielen

Das war zunächst mit kleinem Aufwand verbunden, denn natürlich habe ich die englischsprachige Originalversion bestellt. Hat man aber einen deutschen Steam-Account, lässt sich diese gar nicht erst installieren bzw. wenn sie installiert ist nicht starten. Steam möchte dann scheinbar gerne die zensierte deutsche Version neu installieren … aber glücklicherweise gibt es ja Tools wie Hotspot-Shield.

Ehrlich, was reitet die bundesdeutschen Zensurbehörden hier? Inhalt des Spiels ist es, dass man gegen die Nazis, die durchweg als unmenschliches, grausames Terrorregime gezeigt werden, kämpft. Das Spiel stellt Nazis als die Ausgeburten der Hölle da, die sie nun einmal sind. Dennoch dürfen in der deutschen Version des Spiels die Nazis keine Nazis sein (sie werden zu einem diffusen „Regime“) und sämtliche Hakenkreuze und SS-Runen wurden getilgt (was dann beispielsweise die gespenstige Fahrt durch ein hakenkreuzübersätes London wohl etwas albern macht). Was ein Unsinn, dessen Ursprung ich lieber nicht hinterfragen will , insbesondere weil die teils doch sehr brutalen Gewaltdarstellungen nicht der Schere zum Opfer fielen  …

Neben der Zensur gibt es aber noch einen ganz entscheidenden weiteren Grund, warum zur Originalversion gegriffen werden sollte: die deutschsprachige Variante des Spiels ist wohl komplett in astreinem Hochdeutsch synchronisiert. Im englischsprachigen Original hingegen bekommt man es mit verschiedenen Dialekten zutun. Außerdem sprechen diverse im Spiel vorkommende Nationalitäten wie Deutsche und Polen jeweils (untertitelt) in ihrer eigenen Sprache, was deutlich mehr Atmosphäre aufkommen lässt.

Story

Die Story des Spiels ist so absurd wie auch erschütternd. In den ersten Leveln findet man sich als Captain B.J. Blazkowicz in einem von Wolfenstein gewohnten Zweiter-Weltkriegs-Szenario wieder. Gekonnt mit Videosequenzen verwoben kämpft man sich im Jahr 1946 (der Krieg ist noch nicht beendet) durch eine Luftschlacht und anschließend eine Nazi-Festung, um schließlich ein Trauma zu erleiden und erst 14 Jahre später in einem Sanatorium das Bewusstsein wieder zu erlangen. Und, oh Schreck – die Nazis haben den Krieg gewonnen und die gesamte Erde unterjocht!

An diesem Punkt entwickelt sich dann auch als leider nur etwas spärlich weitergeführte Nebenhandlung eine Liebesgeschichte und Blazkowicz schießt sich seinen Weg bis zu einer Widerstandszelle frei – dem bereits aus den Vorgängerteilen bekannten Kreisauer Kreis, den es als bürgerliche Widerstandsgruppe übrigens auch real gegeben hat.

Für die neuen-alten Verbündeten, zu denen neben britischen und amerikanischen Ex-Militärs auch ein ehemaliger Nazi, der sich liebevoll um einen geistig Behinderten kümmert, sowie Überlebende eines Vernichtungslagers zählen,  übernimmt man nun verschiedene Missionen, die einen unter anderem in den Untergrund von Berlin, nach London und sogar auf den Mond führen. Schlussendliches Ziel ist natürlich kein geringeres als die Befreiung der Menschheit von der Nazi-Pest.

Trash und Trauer

Angereichert wird die Story durch viele witzige und trashige Elemente, die die B-Movie-Atmosphäre des Spiels stützen. So stößt man ständig auf Zeitungsausschnitte, die die geänderte Weltgeschichte dokumentieren, auf „aktuelle“ Popmusik wie etwa „House of the Rising Sun“ von „Wílbert Eckart und seine Volksmusík Stars“ oder „Die Käfer“ mit „Mond, Mond, Ja, Ja!“ … was dann gleichzeitig auch den Soundtrack von Wolfenstein: The New Order zu einem absoluten Highlight werden lässt.

Grandios ist auch die Möglichkeit, zwischenzeitig als Spiel im Spiel ein Level aus Wolfenstein 3D von 1992 zu spielen. Cool!

Doch natürlich kann eine Welt, die von den Nazis beherrscht wird, nicht nur lustig sein. Wolfenstein: The New Order versteht es trotz allem Trash eindrucksvoll, das Regime als absolut verabscheuungswürdige Terror-Maschinerie bar jeder Menschlichkeit zu zeigen. So erlebt man etwa, wie geistig behinderte Menschen für schreckliche Versuche missbraucht oder einfach getötet werden. Auch muss man eine sehr grausame Szene in einem Arbeitslager mitverfolgen, bei der ein Mann um Gnade für seinen Säugling fleht. Ausgerechnet diese eindrucksvollen Momente haben die Redaktion der Computer Bild übrigens veranlasst, dem Spiel keine Wertung zu geben, denn es seien Szenen, die „haben in einem Spiel nichts verloren“. Aha, nun, auch hier möchte ich wie bei den Zensurbehörden lieber nicht weiter hinterfragen …

Gameplay

Die minimalen Systemanforderungen des Spiels nennen einen Intel Core i7 mit 4 GB RAM und mindestens einer GeForce 460 oder ATI Radeon HD 6850. Ich habe es auf einem Intel Core i5-2380P mit 8 GB  Arbeitsspeicher und einer GeForce GTX 460 gespielt, bewegte mich also am untersten Rand der Mindestanforderung. Dennoch lief Wolfenstein: The New Order problemlos und mit absolut akzeptabel hoher Auflösung flüssig. Lediglich die Weitsicht war hin und wieder begrenzt; da das Spiel aber meist in eher kleinen Räumen spielt, war das für mich kein Problem.

In vielen Rezensionen wird die Waffenauswahl als zu gering kritisiert, was ich so nicht bestätigen möchte. Zwar ist sie auf eine Pistole, ein Sturmgewehr, eine Schrotflinte, eine Sniperrifle sowie später eine Laserwaffe plus Handgranaten und Wurfmesser begrenzt – fast alle diese Waffen können aber auch doppelt (beidhändig) verwendet und im Laufe des Spiels verbessert werden. Dazu gibt es noch unterschiedliche Feuermodi und Munitionstypen. Ich habe das als ausreichend empfunden.

Die Level sind sehr linear, durch das spannende Design aber nicht langweilig. Eine offenere Gamewelt würde auch der Atmosphäre des „interaktiven Films“ schaden. Und obwohl ich eigentlich ein großer Open-World-Fan bin – bei Spielen wie Max Payne oder eben Wolfenstein darf es nicht anders sein.

Die Steuerung ist zunächst und für einen kurzen Moment etwas gewöhnungsbedürftig, geht dann aber leicht von der Hand. Lediglich bei ein paar Dingen wie dem Sprint-Slide oder dem Schießen aus Deckung bekommt man schnell einen Knoten in den Fingern. Aber dann lässt man es halt, wenn nicht zwingend nötig. Grade da findet sich eine weitere Stärke des Spiels: fast jeder Level kann ganz nach eigener Vorliebe gespielt werden. Wer Stealth-Action bevorzugt, kann durch geheime Gänge kriechen und seine Feinde mit schallgedämpfter Pistole, Silent Take-Down oder geworfenen Messern ausschalten. Freunde des gepflegten Frontal-Angriffs stürzen sich hingegen mit gezückten automatischen Schrotflinten ins Gemetzel. Beide Wege sind üblicherweise erfolgreich.

Es gibt übrigens auch eine Art Skill-Tree, der sich aber je nach bevorzugter Kampfweise fast von alleine füllt und die bevorzugte Taktik somit noch weiter verfeinert. Nettes Gimmick, muss aber eigentlich nicht sein.

Ebenfalls ein großer Kritikpunkt in vielen Reviews ist die etwas stupide KI. Dem kann man zwar zustimmen, aber erstens: Das vermeidet viel Frust, denn die Typen sind manchmal echt harte Brocken. Und zweitens: Hey, das sind Nazis, die können nicht clever sein! 😉

Fazit

Wie ja schon in der Einleitung geschrieben: Wolfenstein: The New Order ist für mich ein grandioses Spiel. Ich hab für den ersten Durchgang auf mittlerer von insgesamt fünf Schwierigkeitsstufen rund 16 Stunden benötigt, was durchaus befriedigend ist, denn in dieser Zeit kommt null Langeweile und – mindestens ebenso wichtig – null Frust auf, weil Stellen zu schwierig wären.

Der Anreiz zum erneuten Spielen ist bei solch linearen Shootern naturgemäß (zumindest geht es mir so) eigentlich eher gering, doch auch das hat Wolfenstein: The New Order hervorragend gelöst. Recht früh im Spiel muss man eine sehr, sehr wichtige Entscheidung treffen, die das komplette Spiel ab diesem Moment an verschiedenen Stellen bis zur Endsequenz beeinflusst und einen zunächst nur eine von zwei möglichen Varianten spielen lässt …

Wenn ihr nur ansatzweise jemals was mit Wolfenstein anfangen konntet, lasst euch dieses großartige Spiel nicht entgehen! Aber seht möglichst zu, dass ihr die Originalversion bekommt.

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