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Raus aus Facebook! – Präambel

idontgiveafuckFacebook nervt.

Und zwar nicht seit gestern, sondern eigentlich seit Monaten. Seit Jahren. Doch täglich mehr. Und dabei geht es gar nicht um die ganze Datenschnüffelei, um das jämmerliche Buhlen von Firmen nach Fans (grad öffnete ich die Seite vom Focus und musste erst einmal das „Werden Sie unser Fan“-Popup wegklicken) und dieses Zeug. Nein, es geht um die soziale Komponente.

Erstmals hatte ich dieses Gefühl schon wenige Monate, nachdem ich mich registrierte. Das war im Juni 2006. Damals hatte ich ähnliche entnervte Ermüdungserscheinungen vom StudiVZ mit seinen lächerlich-schwachsinnigen Gruppen und permanenten Freundesanfragen von Leuten mit den absurdesten Fake-Namen und irgendwelchen Profilbildern, die alles zeigten – nur nicht sie selbst. Und nicht lange davor erging es mir bei Myspace ähnlich, aber da war Nerverei ja eh Programm.

Facebook war zu der Zeit für mich so etwas wie eine Flucht in die – man kann es sich knapp viereinhalb Jahre später kaum noch vorstellen – Seriosität! Wirklich jeder war mit Klarnamen angemeldet und hatte ein echtes Foto online. Diskussionen waren eher angenehm sachlich und es wurden interessante Infos geteilt.

Doch ich war damals nur Teil einer großen „Wanderbewegung“.

Binnen weniger Monate fanden sich fast alle meine alten StudiVZ-Bekanntschaften und auch so ziemlich jeder andere bei Facebook. Von weniger als einer halben Million deutscher User in 2008 legte FB 2009 auf rund eineinhalb Millionen zu. Und täglich wurden es mehr und mehr und mehr (aktuell in Deutschland: ca. 25 Millionen User). Heute ist meine halbe Familie inklusive meiner Mutter, fast mein ganzer Abijahrgang und eigentlich auch sonst jeder, den ich kenne, bei Facebook. Mit der löblichen Ausnahme von zwei meiner besten Freunde.

Und so ist es dann heute so, dass Facebook einem großen Chaos gleicht, wie jede riesige Menschenansammlung. Klarnamen und vernünftige Fotos findet man kaum noch. Höchstens noch von irgendwelchen alten Schul- und Vereinskameraden, die einen täglich mit Einladungen zu irgendwelchen Spielen bombardieren. Da ich mit vielen Musikern und Veranstaltern befreundet bin, erhalte ich dazu täglich Veranstaltungseinladungen, die mir mein Telefon auch noch immer direkt in den Kalender einträgt. Von irgendwelchen Verwandten, die ich normalerweise zu zwei Anlässen jährlich sehen (und mich dann sogar freuen) würde, bekomme ich täglich peinliche Selfies oder noch peinlichere Pathos-Lebensweisheiten um die Ohren gehauen. Und Infos wirklich interessanter Seiten verschwinden im Orkus, da diese sich keine sponsored posts leisten können. Irgendwelcher Werbemist dominiert hingegen meinen Stream dort, wo es nicht aus belanglosem, ja nicht einmal aus lustigem oder empörungswürdigem, Datenmüll besteht.

Und dennoch habe ich mir über Jahre eingeredet, dass ich das alles mitmachen muss. Dass ich ja zu vielen Leuten sonst keinen Kontakt hätte. Dass es doch schön ist, wenn man sich so nicht aus den Augen verliert.

So ein Bullshit!

Früher™ habe ich Leute nach vielen Jahren (Wochen, Monaten) irgendwo getroffen, zufällig oder verabredet, und wir konnten stundenlang reden. Oder zumindest netten und interessierten Smalltalk halten.

Heute treffe ich einen alten Schulkameraden fast vierzehn Jahre nach dem Abitur wieder und das Gespräch läuft ungefähr so: „Hey, schönes Haus hast du dir gebaut, die Fotos sehen echt super aus!“ – „Ja stimmt. Und zum Glück haben wir nie so Probleme mit dem DHL-Fahrer wie du.“ – „Haha! Und sonst so?“ – „Joa, alles gut. Ich muss dann mal weiter, wir lesen uns ja bei Facebook.“

Das ist doch traurig. Und es nervt.

Und rechnet man dann einmal aus, dass diese komische Sucht, diese Angst, etwas zu verpassen, die Facebook gerne entstehen lässt, vermutlich im Schnitt mindestens eine Stunde täglich in Anspruch nimmt, sind das in viereinhalb Jahren rund 1650 Stunden. Mindestens! Ich habe also in weniger als fünf Jahren über zwei Monate ununterbrochen damit zugebracht, uninteressante Informationen aufzusaugen, Werbung anzuschauen, oder Daten zur Verbesserung eben selbiger zur Verfügung zu stellen. Wie gesagt, mindestens. Ich befürchte, dass zumindest für mich der tatsächliche Zeitwert, addiert man jeden kleinen Statuscheck unterwegs vom Handy zusammen, um einiges höher liegt.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich hab mir überlegt, ich mach da nicht mehr mit.

Doch das ist gar nicht so einfach. Denn grundsätzlich sollte bereits „Otto-Normal-Nutzer“ ein Accountlöschen längerfristig vorbereiten, weil viele Daten sonst für immer gespeichert werden. Bei mir kommt aber noch erschwerend hinzu, dass ich momentan rund ein Dutzend Facebookseiten administrativ betreue und tatsächlich, wie auch immer es dazu gekommen sein mag (weil es der größte Schwachsinn überhaupt ist), mit ein paar Kunden eigentlich nur über FB-Nachrichten in regelmäßigem Kontakt bin.

Deshalb werde ich in den nächsten Tagen und Wochen hier in einer kleinen Serie den Fortschritt meiner „Selbstlöschung“ bei Facebook dokumentieren.

Weiter geht es in Teil 1 mit Entwöhnung, Ausloggen und mobile Nutzung.

11 Kommentare

  1. Ein gute Text, nett dass du dir die Zeit genommen hast das Thema nochmal in dieser Tiefe aufzunehmen. Größtenteils habe ich mich wiedererkannt in deinen Ausführungen, was ja auch der Grund ist dass ich demnächst den gleichen Weg gehen werde.

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  2. Sehr interessante Sichtweise, teilweise erkenne ich mich da auch. Das ganze nimmt Ausmaße an, die nicht mehr gut sind, absolute Zustimmung meinerseits. Bin auf die weiteren Berichte gespannt.

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  3. Pingback: Raus aus Facebook – Teil 1 | Jan Eckhoff

  4. Irgendwie stimmt es schon… Andererseits – es gibt Dinge die wären ohne Facebook SO nicht möglich… Ich könnte zb nicht einfach bei einer Veranstaltungsreihe gucken wer noch so da war geschweige denn feststellen das wir zwei gemeinsame Freunde haben und überlegen ob du der sympathisch lächelnde junge Mann warst…
    Und deine Seite hätte auch einen Besucher weniger 😉

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  5. Puh, ich hinke immer hinterher. Meine Angenervtheit hat erst letzten Sommer den Höhepunkt erreicht.
    Nutze Facebook mittlerweile vorrangig als Werbeplattform, was ich ein wenig beschämend finde. Andererseits scheint beispielsweise (m)ein Blog leider keine adäquate Alternative zu sein. Als Freizeitmusiker möchte ich natürlich Aufmerksamkeit erhalten, aber das Blog wird eher sporadisch genutzt.

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